Vom Web 2.0 zur Partizipation 2.0
Die Freiheit der Presse gehört denen, die eine besitzen.
(A.J. Liebling)
Vortrag zum Webkongreß Erlangen am 5. September 2008
Vorstellung
Beruf: EDV-Leiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (MPIWG)
Jörg Kantel ist der Schockwellenreiter und …
Photo: Norbert Spitzer
Ein wenig human (?) touch
begeisterter Agility-Sportler.
Motivation
Motivation (2)
Das sah übrigens Tim Berners-Lee auch schon so:
Mosaic als Hypermedia-Browser und Hypermedia-Editor.
Der Unsinn vom »Bürgerjournalismus«
Bürgerjournalismus ist nur dann »Bürgerjournalismus«, wenn der publizierende Bürger im Besitz (nicht unbedingt Eigentum) der Produktionsmittel ist, d.h. wenn er marxistisch gesprochen seinen Produktionsmitteln nicht entfremdet ist. Alles andere ist Moppelkotze.
Inhalt
- Ein wenig (linke) Mediengeschichte und -theorie
- Die Werkzeuge des Mitmachweb
- Anwendungen und Beispiele
Auf den Schultern von Riesen
- Bertolt Brecht: Radiotheorie (1927 - 1932)
- Hans Magnus Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970)
- Alexander Kluge: Thesen zu den neuen Medien (1985)
Important...
but not mentioned here:
Turn Your Radio On
Bertolt Brecht: Radiotheorie (1927 - 1932): Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.
Brecht: Radiotheorie
»Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h., er würde es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.«
Hans Magnus Enzensberger
Mit seinem Text Baukasten zu einer Theorie der Medien (1970) setzt sich Enzensberger mit den »elektronischen« Medien, damals vor allem dem Fernsehen auseinander. Er bezeichnet die elektronischen Medien als Hauptinstrumente der »Bewußtseins-Industrie«, der er weitgehende Steuerungs- und Kontrollmacht über die spätindustrielle Gesellschaft zuschreibt. Enzensberger forderte in dem Text eine sozialistische Medientheorie, d.h. einen emanzipatorischen und emanzipativen Umgang mit den Medien.
Baukasten (2)
Probleme sah er im »repressiven Mediengebrauch« (ein zentral gesteuertes Programm mit einem Sender und vielen Empfängern, der die Konsumenten passiv macht und entpolitisiert). Spezialisten produzieren den Inhalt, werden dabei jedoch durch Eigentümer oder Bürokratie kontrolliert. Ein »emanzipatorischer Mediengebrauch« dagegen würde jeden Empfänger zum Sender machen. Durch die Aufhebung der technischen Barrieren würden die Massen mobilisiert und politisch eingebunden.
Baustein 4
Die Neue Linke der 60er Jahre hat die Entwicklung der Medien auf einen einzigen Begriff gebracht: den der Manipulation. Er war ursprünglich von großem heuristischen Nutzen und eine lange Reihe von analytischen Einzeluntersuchungen ermöglicht, droht jedoch zu einem großen Schlagwort herunterzukommen, das mehr verbirgt als es aufklären kann, und das deshalb seinerseits einer Analyse bedarf.
Baustein 5
Manipulation, zu deutsch Hand- oder Kunstgriff, heißt soviel wie zielbewußtes technisches Eingreifen in ein gegebenes Material. Wenn es sich um ein gesellschaftlich unmittelbar relevantes Eingreifen handelt, ist die Manipulation ein politischer Akt. Das ist in der Bewußtseins-Industrie prinzipiell der Fall.
Baustein 6
Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar. Damit stehen die elektronischen im Gegensatz zu älteren Medien wie dem Buch oder der Tafelmalerei, deren exklusiver Klassencharakter offensichtlich ist.
(Vgl. Walter Benjamin: Das Kunstwerk in Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit)
Baustein 10
Dagegen muß eine jede sozialistische Strategie der Medien die Isolation der einzelnen Teilnehmer am gesellschaftlichen Lern- und Produktionsprozeß aufzuheben trachten. Das ist ohne Selbstorganisation der Beteiligten nicht möglich. […]
Baustein 19
Im übrigen lösen die Medien auch die alte Kategorie des Werkes auf, das nur als diskreter Gegenstand, nicht unabhängig von seinem materiellen Substrat gedacht werden kann. Die [elektronischen] Medien stellen solche Objekte nicht her.
Baustein 21
Für den Autor folgt aus diesen Überlegungen, daß er sein Ziel darin sehen muß, sich selber als Spezialisten überflüssig zu machen, etwa so, wie der Alphabetisateur seine Aufgabe erst dann erfüllt hat, wenn er nicht mehr benötigt wird.
Wie jeder Lernvorgang, so ist auch dieser Prozeß reziprok: Der Spezialist wird vom Nicht-Spezialisten ebensoviel oder mehr lernen müssen wie umgekehrt: nur dann kann ihm seine eigene Abschaffung gelingen.
Alexander Kluge
These I
Neue Medien sind eine dezentrale Antwort auf den Einheitsbrei der kommerziellen und industrialisierten Medien.
These II
Neue Medien fördern und fordern die aktive Beteiligung. Sie sind eine Form der Öffentlichkeit unter Anwesenden.
These III
Neue Medien nehmen — im Gegensatz zur industrialisierten und zentralistisch organisierten Medienproduktion — die Interessen des nicht organisierbaren Bereichs der klassischen Öffentlichkeit wahr.
These IV
Neue Medien bilden Werkstätten der nicht entfremdeten Öffentlichkeitsarbeiter. Die Technik ist – im Idealfall – der Arbeitsweise der menschlichen Produzenten angepaßt.
These V
Neue Medien entstehen notwendigerweise in Kooperation. Jeder Medienproduzent ist auf die (gegenseitige) Zulieferung anderer Medienproduzenten angewiesen.
These VI
Neue Medien bilden in ihrer Gesamtheit wie auch in Teilen eine virtuelle Anbietergemeinschaft. Dies behindert die von der industrialisierten Medienproduktion angestrebten Marktaufteilung unter den Stärksten und die Ausgrenzung von (Außen-) Pluralität. Neue Medien demgegenüber versuchen, außenplurale Verhältnisse herzustellen (d.h. sie be- und verhindern Ausgrenzung).
Die Werkzeuge
- Ping, Community-Server und RSS
- Der Client: Drupal, Wordpress, DokuWiki
- Geht es auch anders?
Auf der Schulter von Riesen (2)
- Miro
- Croquet
Das Beispiel Miro
Miro (2)
- Miro entstand als Gegenbewegung zum kommerziellen und DRM-geschützten iTunes.
- Miro versteht sich als Internet-TV »von unten«
Miro (3)
Miro (4)
- 1. Der Miro-Client (iTunes)
- 2. Channel Guide (iTMS, Community-Server) und VideoBomb (Bookmarks)
- 3. Broadcast Machine (YouTube für jedermann)
Video Bomb
Videos bookmarken: Video Bomb
Broadcast Machine
»MyTube« oder »OurTube«: Broadcast Machine
Croquet
Croquet ist eine in Smalltalk geschriebene Peer-to-Peer-Alternative zu Second Live und ähnlichen 3D-Welten.
Ping und RSS
- Der Ping ist ein kleines XML-RPC-Paket, mit dem ein Client einem Community-Server informiert, daß es bei ihm etwas Neues gibt.
- Der Community-Server schickt dann seinen Spider vorbei, der den RSS-Feed des Clients liest und sein »Inhaltsverzeichnis« erneuert.
Community-Server
Weblogs.com, die »Mutter aller Community-Server«:
Technorati
Technorati: Die Web 2.0-Version eines Community-Servers:
Mögliche Clients
- Drupal (CMS)
- Wordpress (Weblog-Tool)
- DokuWiki (Wiki – mein derzeitiger Favorit)
Problem: Asset-Verwaltung
Folgende Assets (Photos, Videos, PDFs etc.) müssen verwaltet werden können:
- auf dem eigenen Server (können – fast – alle)
- auf gemietetem Space (Amazon S3)
- auf spezialisierten Hostern (z.B. Blip.tv oder Internet Archive)
- auf Fremdhostern allgemein (Flickr, Sevenload, YouTube)
DokuWiki
Cognitiones Publicae, mein DokuWiki, ursprünglich als persönlicher Flickr- und YouTube-Ersatz geplant:
Warum DokuWiki?
- Keine Datenbank – daher einfach zu installieren
- Hervorragende Multimediafähigkeit
- Durch Plug-Ins leicht erweiterbar
- Kann XML-RPC (Ping!)
DokuWiki-Beispiel (1)
Der Rollberg, ein Stadt(teil)-Wiki:
DokuWiki-Beispiel (2)
CDLI-Wiki: Ein Wiki für die Wissenschaft:
Brauchen wir einen Community-Server?
- Mit den vorgestellten Clients ist eine reine Peer-to-Peer-Lösung möglich.
- Jeder Client ist gleichzeitig Server, der Pings annimmt.
- Jeder Client ist gleichzeitig ein Reader für RSS-Feeds
Aber...
Betrachten wir folgendes Szenario:
- Das »CMS« ist eine Template-Engine, z.b. Perl Template Toolkit.
- Die Daten liegen in einem CVS, z.B. Subversion.
- Das UI ist eine (angepaßte) IDE, z.B. Eclipse.
- Es werden statische Webseiten herausgeschrieben.
- Dynamische Elemente via Webservices.
Dann...
- ist ein Community-Server dringend erforderlich!
Es sind also beide Lösungen möglich:
- Reine Peer-to-Peer-Lösungen verlangen dynamische Clients.
- Statische Seiten verlangen nach einem Community-Server.
Weitere Voraussetzungen
- Die dazu genutzte Software sollte Open-Source sein.
- Es sollten offene Protokolle und offene Standards genutzt werden
- Selbstbestimmung über meine Daten
- Rechtssicherheit (Urheberrecht, Abmahnungen etc.)
- Und natürlich: Nicht päpstlicher als der Papst sein.

Fazit: Let's Do It!
Es gibt also auch in diesem Bereich noch viel zu entdecken und erforschen. Fangen wir damit an:
Fragen?
Danke!
- Danke für Ihre Aufmerksamkeit!
Zuletzt angesehen: » Mini Clubman Estate » AMOS-WD06 » Erotikfilme » Segway PUMA » Yahoo! Pipes » Roboter » HQ MPEG 4 » Vorlesung 10: (Web-) Mapping » Art of Illusion » Vom Web 2.0 zur Partizipation 2.0












