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Vertriebskanal vs. Web des Wissens


Warum Geräte wie das iPad uns in eine Sackgasse führen

Das Objekt der Begierde

Das iPad

Über ...

Jörg Kantel

(Photo: Norbert Spitzer)

Über ... (2)

Jörg Kantel, Jahrgang 1953, studierte Mathematik, Informatik und Philosophie. Nach einigen Jahren in der Industrie ist er seit 1994 EDV-Leiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (MPIWG) in Berlin und dort unter anderem mit der Frage beschäftigt, wie man Forschungsergebnisse und -Quellen im Web sinnvoll präsentiert.

Von 2006 bis 2009 war er außerdem Lehrbeauftragter für Multimedia im Fachbereich »Angewandte Informatik« an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft (FHTW), jetzt Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin.

Über ... (3)

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Seit dem 24. April 2000 gibt er außerdem das Weblog Der Schockwellenreiter heraus und ist damit vermutlich der »dienstälteste« noch aktive deutschsprachige Blogger.

Autor diverser Bücher und Aufsätze zum Web 2.0.

Motivation (1)

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The Web is a Writing Environment – Dave Winer

Motivation (2)

Die Geburtsstunde des WWW

Das sah übrigens Tim Berners-Lee auch schon so.

Das offene Ohr

»Wir sind eine zivilisierte Spezies. Deshalb soll künftig niemand einen unrechtmäßigen Vorteil aufgrund der Tatsache erlangen, daß wir gemeinsam mehr wissen als einer von uns wissen kann.« (John Brunner: Der Schockwellenreiter, 1975)

… womit wir beim »Web des Wissens« wären.

Denn ...

seit Bestehen des Netzes tobt ein heftiger Kampf zwischen denen, die das Netz als einen Kommunikationskanal betrachten und denen, die darin nur einen weiteren Kanal zur Distribution herkömmlicher Medieninhalte sehen.

Und das iPad ist eigentlich nur ein mobiles Empfangsgerät (mit ein paar zusätzlichen Möglichkeiten).

... entweder ...

The Internet Is For Porn

... oder ... (?)

Bertolt Brecht

»Das Internet ist von einem Distributions- in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.« (Frei nach Bertolt Brecht: Radiotheorie)

»Jeder heutige Mensch kann einen Anspruch vorbringen, gefilmt zu werden.« (Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit)

Die Urmutter des iPad

Dynabook

Das Dynabook (1960er Jahre) von Alan Kay und Seymor Papert.

Dynabook (2)

  • Das Dynabook sollte nicht nur auf symbolischer Eben zu bedienen sein, sondern auch die sensomotorischen und ikonischen Fähigkeiten des Benutzers unterstützen.
  • Aber es sollte auch vom Benutzer »kinderleicht« zu programmieren sein: Erst in Logo, später wurde Smalltalk die Sprache der Wahl (wie heute noch im OLPC-Computer).

Programmieren als Kulturtechnik

  • Creative Coding
  • Glue-Scripte
  • Mashups

Creative Coding

  • Alle Personalcomputer der frühen Jahre wurden vom Nutzer programmiert
  • Erst mit dem Aufkommen der graphischen Benutzeroberflächen (GUIs) wurde das Programmieren »schwieriger« und »professionellen« Softwareentwicklern überlassen
  • Es gab aber immer wieder Versuche, auch dem »Laien« das Programmieren mit GUIs wieder zu ermöglichen, z.B. Smalltalk, HyperCard, Oberon-2

Glue-Skripte

  • Aus der Unix-Welt stammt die Idee, nur kleine, spezialisierte Programme zu erstellen, aus denen sich der Anwender seine Applikationen selber zusammen»klebt«
  • Bei einfachen Anwendungen reichten »Pipes« (d.h. der Output des einen Programmes ist der Input des nächsten)
  • Oft aber mußten kleine Skripte dazwischengeschaltet werden, die z.B. Filteraufgaben übernahmen. Beliebt dafür waren Shell-Skripte, awk und Perl

Software as a Service (SaaS)

  • Heute sind oft Webservices die Anwendungen, mit denen ein User arbeitet (SaaS)
  • Die Notwendigkeit von Glue-Skripten besteht aber weiterhin

Beispiel NLTK

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Das Natural Language Toolkit (NLTK)

  • ist eine Sammlung von Tools und Funktionen zur Text- und Sprachverarbeitung
  • diese werden aus Python (einer Skriptsprache) heraus aufgerufen
  • daher ist es notwendig, daß der Wissenschaftler ein wenig Python beherrscht

Open Data

  • Die Korpora, mit denen der Wissenschaftler im NLTK arbeitet, liegen im Regelfalle nicht auf dessen Festplatte, sondern irgendwo im Web (z.B. auf dem Archimedes-Server des MPIWG).
  • Python unterstützt das Laden von Daten aus dem Web
  • Diese müssen allerdings frei zur Verfügung stehen (Open Data)

Photoshop vs. ImageJ

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  • Komplexe Aufgaben lassen sich oft schwer mit einem Programm (einer »eierlegenden Wollmilchsau« wie Photoshop lösen. Der Nutzer ertrinkt in der Unübersichtlichkeit der Menüführung und findet doch meistens nicht das, was er braucht.
  • Programme wie ImageJ hingegen besitzen eine (Java-) Schnittstelle und überlassen es dem Benutzer, sich seine Filter selber zusammenzustricken.

Und das iPad?

  • Wegen des Fehlens jeglicher Programmiersprachen ist es nur noch ein kastriertes Gerät
  • Außerdem muß jedes noch so kleine Werkzeug den gestrengen Kerberos des AppStores passieren
  • Dabei kann man Python und Java auch in einer Sandbox laufen lassen, Mobiltelephone machen es vor (Java ME und Symbian mit Python)

Beispiel Ebook (1)

Screenshot

Beispiel Ebook (2)

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Workflow

  • (OpenOffice) → LaTeX
  • LaTeX → PDF → Print on Demand
  • LaTeX → PDF → Web
  • LaTeX → tth → HTML
  • HTML → ePub

Und überall werden Glue-Skripte benötigt

eBook-Reader

Ebook im iPad

Und als Ebook-Reader macht das iPad schon was her

QEDWiki (IBM)

Doch erst einmal einen Schritt zurück und wir stellen das »Quick and Easy Done Wiki« (QEDWiki) vor …

QEDWiki (2)

  • ist ein Mashup-Werkzeug
  • ist ein Wiki
  • funktioniert im Browser

Situational Computing

  • In all den Jahren habe ich die Erfahrung gemacht, daß all die großen, kommerziellen Rundum-Sorglos-Pakete genau das nicht machen, was der Wissenschaftler für seine Arbeit benötigt
  • Das von der IBM entwickelte Konzept des Situational Computing ist ein Lösungsansatz für dieses Problem: Kleine Tools werden verändert und mithilfe von Glue-Skripten zu einer Applikation vom beteiligten Wissenschaftler selber zusammengestrickt.
  • Dazu müssen alle benötigten Tools Open Source gestellt sein

Pipes

Situational Computing geht auch anders:

DERI Pipes Example

DERI Pipes, eine Open-Source-Variante von Yahoo! Pipes.

Google Wave (1)

Google Wave hat als Modell meine weiteren Überlegungen zum »Web des Wissens« sehr beeinflußt

Google Wave (2)

  • Google Wave (Open Source) war ein neues Kommunikations- und Kollaborationswerkzeug des Suchmaschinengiganten, das die Arbeit im Netz völlig umkrempeln sollte.
  • Es war eine zentrale Kommunikationsplattform, die E-Mail, Instant-Messaging, Chat, Photos, Videos, Karten und Dokumente verband.
  • Wave erlaubte unter anderem die gemeinsame Arbeit an Texten und anderen Dokumenten und die Änderungen konnten in Echtzeit verfolgt werden.

Google Wave (3)

  • Über APIs ließ sich Wave in andere Internetseiten einbetten oder mit Anwendungen anderer Entwickler kombinieren.
  • Teile von Google Wave stehen seit Herbst 2009 der Öffentlichkeit zur Verfügung. Im Dezember 2010 soll der komplette Wave zugrundeliegende Code freigegeben werden, so daß jeder einen Wave-Dienst auf seinen Servern anbieten kann.
  • Denn dann schaltet Google seine Welle ab

Doch das eingentlich Faszinierende ...

Es war von Google sicher nicht so geplant, aber Wave ist der Prototyp einer Peer-to-Peer-Anwendung.

  • Denn wie sieht das Internet heute aus, wenn Google einmal ausfällt
  • oder die Wikipedia? (Von nervenden Relevanzdiskussionen will ich gar nicht erst reden)

Also P2P

»Like Google, Twitter and the other leading commercial Internet sites have made tremendous contributions to the functionality of the Internet and have earned both their popularity and (where it exists) their revenue. But the end-to-end principle and the reliability of distributed processing must have their day again, whenever some use of the Internet becomes too important to leave up to any single entity.« (Andy Oram: Why social networks need to be decentralized)

Daher zurück zu Google Wave

  • Google hat versprochen, Wave als Anwendung unter einer Open Source-Lizenz im Dezember 2010 freizugeben.
  • Damit ist a) die Kritik des BSI an Google Wave hinfällig.
  • Und b) eine dezentrale Wave-Umgebung denkbar.
  • denn Wave basiert auf einer Erweiterung des XMPP-Protokolls (Jabber)

Die verteilte Architektur von Jabber

jabberarchitektur.jpg

Noch einmal Peer2Peer

  • XMPP kann abfragen, ob die Gegenstelle erreichbar ist und erst dann entsprechend reagieren
  • soll auch mit PubSubHubbub gehen (noch nicht getestet)
  • Also kann im Prinzip jeder Desktop als Wave-Server fungieren

Vom zentralen Server zu P2P

Drei Stufen:

  • Flickr, Facebook, Twitter, aber auch Wikipedia (mit Relevanzdiskussion und Server-Overload)
  • Modell OpenStreetMap: Spiegelung des Datenbestands auf diversen Servern für unterschiedliche Projekte
  • Echtes Peer-to-Peer

Die Vision

  • Jeder Netzkonsument wird zum (potentiellen) Wissensproduzenten (dezentrales Netz)
  • Dieses Wissen steht allen frei zur Verfügung (Open Access)
  • Dieses Wissens wird mittels einfachster Tools (KISS) miteinander vernetzt (Open Protocols)
  • Diese Tools können von den Wissensproduzenten selber auf ihre Bedürfnisse angepaßt werden (Open Source)

Und das iPad?

Und so gesehen ist das iPad doch nur eine Fernsteuerung Fernbedienung …

Danke ...

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

URL: http://www.cognitiones.de/doku.php/vertriebskanal_vs._web_des_wissens

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