Radiotheorie
Als Radiotheorie bezeichnet man eine auf das Medium Rundfunk, insbesondere den Hörfunk, spezialisierte Medientheorie. Bekannte Radiotheorien wurden verfaßt von Bertolt Brecht, Rudolf Arnheim, Walter Benjamin und Wolfgang Hagen.
Das Telefunken Opus, ein Röhrenradio, Stereo, ca. 1960
Brechts Radiotheorie
Eine »Theorie des Radios« im Sinne eines in sich geschlossenen Denkmodells hat Brecht nicht verfaßt. Seine »Radiotheorie« besteht aus wenigen kleineren Schriften zum Thema Rundfunk sowie aus praktischen (experimentellen) Rundfunkarbeiten. Doch hat sich ihr Innovationswert bis heute in der Debatte gehalten.
Sie entstand zwischen 1927 und 1932 und ist folglich in verschiedenen Arbeiten verstreut:
- Radio – Eine vorsintflutliche Erfindung? In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M., S. 119-121
- Vorschläge für den Intendanten des Rundfunks. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M., S. 121-123
- Über Verwertungen. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M., S. 123-124
- Erläuterungen zum »Ozeanflug«. In: Bertolt Brecht: Schriften zur Literatur und Kunst. Bd. I. Suhrkamp Verlag, S. 128-131
- Der Rundfunk als Kommunikationsapparat. In: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 18, 133.-137. Tsd., Frankfurt a. M., S. 127-134
Kernaussagen
- Radio ist nicht aus gesellschaftlicher Notwendigkeit, sondern als Zufallsprodukt entstanden: »Nicht die Öffentlichkeit hatte auf den Rundfunk gewartet, sondern der Rundfunk wartete auf die Öffentlichkeit.«
- Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln: »Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, d.h., er würde es, wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.«
- »Ein Mann, der etwas zu sagen hat, und keine Zuhörer findet, ist schlimm dran. Noch schlimmer sind Zuhörer dran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat.«
Die Hörfunksendung faßte Brecht als Radiolehrstück zur Einübung in eine neue Gesellschaftsform auf. Er war also überzeugt, daß Medien positive gesellschaftliche Veränderungen hervorrufen können.
Rezeption und Wirkung
Hans Magnus Enzensberger greift in seiner emanzipatorischen Medientheorie des Medienbaukastens (1970) Brechts Ansätze wieder auf und erweitert sie. Jean Baudrillard setzt sich in Requiem für die Medien (1972) ebenfalls mit den beiden (Brecht und Enzensberger) emanzipatorischen Ansätzen auseinander, kritisiert sie jedoch scharf.
Auch neuere Medientheoretiker aus den 1980er und 90er Jahren wie Friedrich Kittler und Norbert Bolz greifen - ohne wie Enzensbergers Medienbaukasten in Brechts direkter Denktradition zu stehen - teils auf die Radiotheorie zurück.
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