Jürgen Habermas

Jürgen Habermas (* 18. Juni 1929 in Düsseldorf) ist ein deutscher Philosoph und Soziologe, der hauptsächlich durch seine Arbeiten zur Sozialphilosophie bekannt geworden ist. Er ist das prominenteste Mitglied der zweiten Generation der Kritischen Theorie; er wird zur Frankfurter Schule gezählt, hat sich von deren Ursprung allerdings weit entfernt.

Jürgen Habermas

Jürgen Habermas bei einer Diskussion in der Hochschule für Philosophie München am 15. Januar 2007; Photo: (cc-by-sa): Wolfram Huke

Wandel der Technik- und Marxkritik

In seinem 1954 veröffentlichten Aufsatz Die Dialektik der Rationalisierung, der bereits viele Kerngedanken seines Hauptwerks Theorie des kommunikativen Handelns (1981) enthält, entwickelt Habermas im Anschluss an Lukács eine Theorie der kapitalistischen Rationalisierung. Habermas unterscheidet eine technische (der Produktion), ökonomische (der betrieblichen Organisation) und soziale Rationalisierung der Arbeit. Die Rationalisierung habe zwar die physische Belastung der Arbeiter reduziert, ihre mentale aber erhöht. Habermas plädiert für eine neue Askese und fordert eine Befreiung der Individuen von der Tyrannei der falschen Bedürfnisse. Habermas äußert in diesem Aufsatz seine Vorbehalte gegenüber der modernen Technik und wirft Marx vor, deren Rolle übersehen zu haben.

Diese Kritik an Marx wiederholt Habermas in seinem Aufsatz Marx in Perspektiven (1955). Marx habe nicht begriffen, daß »die Technik selbst, und nicht erst eine bestimmte Wirtschaftsverfassung, unter der sie arbeitet, die Menschen, die arbeitenden wie die konsumierenden, mit Entfremdung überzieht«.

Mit dem Literaturbericht zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus (1957) beginnt Habermas’ Annäherung an Marx und die Abkehr vom Denken Heideggers. Habermas schließt sich darin dem Gedanken Marx’ an, daß das Phänomen der Entfremdung keine existenzielle Dimension des Menschen darstellt, sondern als Ergebnis bestimmter sozialer Verhältnisse anzusehen ist. Sie ist »nicht Chiffre eines metaphysischen Unfalls, sondern Titel einer faktisch vorgefundenen Situation«. In seinem Aufsatz Soziologische Notizen zum Verhältnis von Arbeit und Freiheit (1958) korrigiert Habermas seine Sicht der Technik. Nicht mehr sie selbst, sondern deren falscher politischer Gebrauch stellt die Ursache der menschlichen Entfremdung dar.

Strukturwandel der Öffentlichkeit

In der 1962 erschienenen Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit stellt Habermas den Begriff der Öffentlichkeit in den Vordergrund, der für den bürgerlichen Verfassungsstaat von zentraler Bedeutung sei.

Habermas zeigt anhand historischer Beispiele, wie »die politische Öffentlichkeit aus der literarischen« hervorgegangen ist. In den um die Mitte des 17. Jahrhunderts gegründeten Kaffeehäusern, Salons und Tischgesellschaften bildeten sich Kristallisationspunkte der Öffentlichkeit. Ihre Gespräche kreisten zunächst um Kunst und Literatur, erweiterten sich aber bald um ökonomische und politische Inhalte. Unter den Mitgliedern herrschte Gleichberechtigung und die Macht des Arguments.

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts sieht Habermas den öffentlichen Diskurs zunehmend gefährdet. Die Publizität gerät durch verschärften kapitalistischen Konkurrenzdruck in den Sog von partikularen Interessen. Mit Entstehung der Massenpresse und den ihr eigenen technischen und kommerziellen Gegebenheiten erfolgt eine »Refeudalisierung der Öffentlichkeit«: Die Kommunikation wird wieder eingeschränkt und dem Einfluß einzelner Großinvestoren unterworfen.

Um die kritische Funktion von Öffentlichkeit in der Gegenwart wieder herzustellen, müssen »die in der politischen Öffentlichkeit agierenden Mächte dem demokratischen Öffentlichkeitsgebot effektiv unterworfen werden«. Außerdem müsse es gelingen, die »strukturellen Interessenskonflikte nach Maßgabe eines erkennbaren Allgemeininteresses« zu relativieren. Dies könnte erreicht werden, wenn es zum einen gelingt, eine »Gesellschaft im Überfluß beschleunigt herbeizuführen, die einen von knappen Mitteln diktierten Ausgleich der Interessen als solchen erübrigt«. Zum anderen habe »der noch unbewältigte Naturzustand zwischen den Völkern« ein solches »Ausmaß allgemeiner Bedrohung« angenommen, daß sich »ein allgemeines Interesse« an der Herbeiführung eines »ewigen Friedens« im Kantischen Sinne ergibt.

Theorie des kommunikativen Handelns

Im Jahr 1981 erscheint Habermas’ wohl bedeutendstes Buch, die Theorie des kommunikativen Handelns. Die Motivation für das Buch ist ein seit Ende der 1960er Jahre eingetretener Zustand, »in dem das Erbe des okzidentalen Rationalismus nicht mehr unbestritten gilt«. Das Buch verfolgt drei Hauptziele:

  • die Entwicklung eines »Begriffs der kommunikativen Rationalität«
  • ein »zweistufiges Konzept der Gesellschaft, welches die Paradigmen Lebenswelt und System« verknüpft
  • eine »Theorie der Moderne«

Das Werk ist geprägt von langen Passagen der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Philosophie und v.a. der Soziologie. Insbesondere durch »Rekonstruktion« der Theorien von Weber, Lukács, Adorno, Marx, Mead, Durkheim, Parsons und Luhmann entwickelt Habermas seine eigene Gesellschaftstheorie.

Rezeption

In Deutschland wurde Habermas, nachdem er bereits durch den Positivismusstreit und sein Werk Erkenntnis und Interesse allgemein bekannt geworden war, nach der Veröffentlichung der Theorie des kommunikativen Handelns zu einem der meistdiskutierten deutschen Philosophen der Gegenwart. Seit den 1980er Jahren erschien eine Reihe von Einführungen in sein Leben und Werk. Habermas publizierte zudem regelmäßig in zahlreichen deutschen Feuilletons wie dem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung oder der Zeit.



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