Fürs Leben lernen
Bausteine für ein gelingendes Leben in der Netzwerkgesellschaft
Was (nicht nur) Jugendliche in virtuellen Welten suchen und finden
Vortrag zu den MaC*_days 2009 am 30. September 2009 in Josefst(h)al
Vorstellung
Jörg Kantel ist EDV-Leiter am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
Jörg Kantel ist der Schockwellenreiter und (linker) Netzaktivist
The Internet Is For Porn
Oder ... ??
»Das Internet ist von einem Distributions- in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln.« (Frei nach Bertolt Brecht: Radiotheorie)
»Jeder heutige Mensch kann einen Anspruch vorbringen, gefilmt zu werden.« (Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit)
Denn ...
das ist es, was die (meisten) Menschen im Internet suchen:
- Kommunikation
- Information (Wissen?!)
- Unterhaltung
Beispiele
Beispiele (2)
- Themen, die von den »großen Medien« nicht bedient werden, finden ihren Weg ins Netz (Lokalnachrichten, Hundesport, Damenrugby)
- Die dort entstehenden Communities sind selbstorganisiert
Bausteine
»Jeder Gebrauch der Medien setzt also Manipulation voraus. Ein unmanipuliertes Internet gibt es nicht. Die Frage ist daher nicht, ob das Internet manipuliert wird oder nicht, sondern wer es manipuliert. Ein revolutionärer Entwurf muß nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen; er hat im Gegenteil einen jeden zum Manipulateur zu machen.« (frei nach Hans Magnus Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien)
Information vs. Kommunikation
»Spätestens hier wird deutlich, daß es im Internet nicht nur um die Suche nach Information, sondern vielmehr noch um die Lust an der Kommunikation geht. Die Internet-Kultur besteht in erster Linie in der Pflege des Netzwerks selbst, also eines Angebots von Beziehungen und Verknüpfungsmöglichkeiten. […] Dieser soziale Mehrwert des Linking macht deutlich, daß den Menschen die Beteiligung an Kommunikation wichtiger ist als die Information.« (Norbert Bolz: Wirklichkeit ohne Gewähr)
Kommunikation womit?
- Foren und Chatrooms
- Weblogs
- Microblogging
- Soziale Netzwerke
- Wikis
Foren und Chatrooms
- Sind die ältesten (noch existierenden) sozialen Gemeinschaften im Netz
- Haben eine niedrige Eintrittsschwelle und eine hohe Akzeptanz
- Das Themenspektrum ist breit gefächert (von BMW-Fahrern über Witzesammler bis hin zu spanische Hausfrauen, die mit einem Deutschen verheiratet sind)
Foren und Chatrooms (2)
- Foren und Chatrooms sind ziemlich unübersichtlich und locken auch Menschen mit zweifelhaften Absichten an
- Der Aufbau eigener (attraktiver!) Foren und Chatrooms kann diese Situation entschärfen
- Denn: Anbieten, nicht verbieten
Weblogs
Weblogs (2)
- Weblogs sind (nach meiner Auffassung) das erste eigene Genre, daß das »Internet als Medium« hervorgebracht hat
- Weblogs sind eine extrem einfache Möglichkeit ohne Programmier- und/oder HTML-Kenntnisse im Netz zu publizieren
- Weblogs sind vielfach untereinander vernetzt (RSS, Ping, Trackback, Pingback)
- Weblogs sind eine Mischform aus syncronem und asyncronem Medium
Quo vadis Weblog?
- In den letzten Jahren ist eine Aufteilung der Weblogszene zu beobachten
- Auf der einen Seite eine zunehmende Professionalisierung (A-List-Blogger wie Spreeblick, Netzpolitik.org, Bildblog etc., aber auch die Weblogs der klassischen Medienhäuser (Handelsblatt, Der Westen, Stuttgarter Zeitung, Tagesspiegel etc.)
- Auf der anderen Seite die »Tagebuchschreiber« und Katzenbilder-Produzenten
Quo vadis Weblog? (2)
Mit der »Professionalisierung« wurde auch die rechtliche Situations schwieriger:
- Impressumspflicht
- Abmahnung wegen (angeblicher oder tatsächlicher) Verstöße gegen das Urheber- oder Markenrecht
- Verstöße gegen das Persönlichkeits- oder Presserecht
- Hier kann nur entsprechende Medienkompetenz Abhilfe schaffen
Exkurs: Medienkompetenz
- Verschwörungstheorien als Lehrmittel zur Aneignung von Medienkompetenz (Peter Glaser)
Microblogging
- Microblogging (Twitter) ist eine auf in der Regel 140 Zeichen pro Meldung verkürzte Form des Netzpublizierens und der Communitiy-Bildung
- Man meldet sich bei einem Microblogging-Publisher an und schafft sich »Followers«, die die eigenen Kurznachrichten lesen
- Diese Kurznachrichten können (werden häufig) von Mobiltelephonen aus gesendet (werden)
Microblogging (2)
- Microblogging ist schnell!
- Einige Microblogging-Dienste bieten auch die Möglichkeit, Multimedia-Dateien (Photos und Filme) hochzuladen (auch per Handy) und zu publizieren
- Denn das Netz ist multimedial
- Auch Microblogging pendelt zwischen syncronem und asyncronem Medium (mit einem deutlichen Schwerpunkt zum Syncronen)
Microblogging (3)
- Mit identi.ca steht eine Open-Source-Software zur Verfügung, die es erlaubt, eine »eigene« Microblogging-Plattform hochzuziehen
- Die verschiedenen identi.ca-Plattformen können untereinander (aber auch mit Weblogs etc.) vernetzt werden
- Somit können dezentrale Microblogging-Dienste installiert werden
Soziale Netzwerke
- SchülerVZ und StudiVZ
- MySpace
- Facebook
Spezialisierte Soziale Netzwerke
- Photo- und Video-Communities (Flickr, YouTube, Sevenload etc.)
- Business-Netzwerker: Xing
- Qype, Amazon etc.
Soziale Netzwerke (2)
- Die Nutzerdaten sind das Kapital der sozialen Netzwerke
- Speziell (aber nicht nur) Jugendliche gehen damit oft leichtsinnig um
- Aber ohne SchülerVZ, MySpace oder Facebook geht heute gar nichts mehr
Soziale Netzwerke (3)
- Daher gilt es auch hier, Medienkompetenz aufzubauen
- Schaffung eigener (möglichst dezentraler) sozialer Netzwerke (NetCheckers)
- Habe leider (noch) keine Open-Source-Software-Empfehlung
Wikis
Cognitiones Publicae – mein Wiki ist kein MediaWiki.
Wikis (2)
- Wikis sind nicht die Wikipedia
- Der Begriff Wiki Wiki kommt angeblich aus dem Hawaiianischen und bedeutet schnell schnell
- Wikis sind tatsächlich die schnellste und einfachste Möglichkeit, eigene Inhalte im Netz zu publizieren und/oder Wissenssammlungen anzulegen
Wikis (3)
- Wikis verlinken – im Gegensatz zu Weblogs – eher nach innen denn nach außen
- Die meisten Wikis beherrschen aber Inter-Wiki-Verlinkung, damit ist ebenfalls eine dezentrale, vernetzte Wiki-Umgebung möglich
- Und es gibt Blikis, eine Kombination aus Weblog und Wiki
Wikis (Werkzeuge)
- Von der Instalation eines eigenen Media-Wikis (der Engine, die hinter der Wikipedia steht) rate ich ab (zu groß, zu schwerfällig, zu kompliziert)
- Kleinere Wiki-Engines, die zudem Ihre Daten nicht in einer Datenbank versenken, sondern im Dateisystem abspeichern, halte ich für geeigneter
- Mein Favorit ist das DokuWiki von Andreas Gohr (und Freunden)
Was bringt die Zukunft
- Zunehmende Zentralisierung (alle leben auf Wolke Google)?
- Oder geht es doch auch wieder dezentral?
Zentralisierung vs. Peer-2-Peer
»Like Google, Twitter and the other leading commercial Internet sites have made tremendous contributions to the functionality of the Internet and have earned both their popularity and (where it exists) their revenue. But the end-to-end principle and the reliability of distributed processing must have their day again, whenever some use of the Internet becomes too important to leave up to any single entity.« (Andy Oram: Why social networks need to be decentralized)
Bürgernetze
- Bürgernetze verdienen diesen Namen nur, wenn der Bürger im Besitz (nicht unbedingt Eigentümer) dieser Netz ist. Das heißt – marxistische gesprochen – wenn der Bürger diesen Netzen nicht entfremdet ist.
- Bürgernetze sind aber die Voraussetzung für die Aneignung des Internets durch die Menschen – d.h., sie sind die Voraussetzung für ein demokratisches Internet.
Utility Computing und Mashups
- Mashups und APIs
- Situational Computing
Cloud Computing
- Server-Virtualisierung und -Konsolidierung
- Kritik an Carr
- Cloud Computing erlaubt es auch, kostengünstig eigene, dezentrale Strukturen aufzubauen
Google Wave
Google Wave (2)
- Ausgerechnet Google bietet einen Dienst an (wird einen Dienst anbieten), der als Modell für ein künftiges Peer-2-Peer-Bürgernetz herhalten kann: Google Wave
- Google Wave basiert nämlich auf einer Erweiterung des (offenen) XMPP- (Jabber-) Protokolls
- Und Google will die Quellen von Wave freigeben und unter einer Open-Source-Lizenz für jedermann nutzbar machen
Google Wave (3)
Peer-to-Peer mit XMPP
- XMPP erlaubt den »Webserver auf dem Desktop«, setzt ihn aber nicht zwingend voraus.
- Jeder Jabber-Server kommuniziert mit jedem anderen Jabber-Server (kann mit jedem anderen Jabber-Server kommunizieren)
Peer-to-Peer (2)
- Erst einmal gibt uns das die Möglichkeit, »eigene« Jabber-Server aufzusetzen (hier könnten Cloud Computing und Server-Virtualisierung extrem nützlich sein)
- Gibt es erst einmal flächendeckend symmetrische Breitbandnetze, könnte sich jeder, der will, seinen eigenen Jabber@home aufbauen
- Damit wäre das Ziel eines demokratischen Bürgernetzes in greifbarer Nähe gerückt
Utopie?
»Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber nachzudenken, warum es utopisch ist.«
Urheberrecht
- Das Urheberrecht im Zeitalter des Digitalen
- Noch einmal Mashup, Remix und Machiminima
- Creative Commons-Lizenzen
- Kulturflatrate
Fazit
Fördern -- Anbieten -- Aufbauen
- Selbstorganisation fördern
- Anbieten, nicht verbieten
- Medienkompetenz aufbauen
Fazit (2)
- Das Netz ist multimedial
- Peer-to-Peer-Netzwerke installieren
- Freie Software und freie Protokolle nutzen
- Inhalte unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichen
Fazit (3)
Infrastrukturmaßnahmen, die von der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden müssen (ähnlich finanziert wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen):
- Symmetrisches Breitband in alle Haushalte
- Eine kostenlose, »lebenslange« digitale Identität mit Mailadresse und Speicherplatz (ähnlich Google Mail)
- Kulturflatrate
Zum Abschluß noch einmal Brecht
»Undurchführbar in dieser Gesellschaftsordnung, durchführbar in einer anderen, dienen die Vorschläge, welche doch nur eine natürliche Konsequenz der technischen Entwicklung bilden, der Propagierung und Formung dieser anderen Ordnung.«
Daher: Let's Do It
Fragen?







