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Das Urheberrecht im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit



Vortrag zur re:publica 2010 am 15. April 2010

Über mich ...

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Über mich (2)


(Photo: Gabriele Kantel)

These

Urheberrecht ist Klassenkampf

Das Urheberrecht ist ein Produkt der bürgerlichen Gesellschaft und wird auch mit der bürgerlichen Gesellschaft wieder verschwinden.

Fangen wir bei Enzensberger an

Hans Magnus Enzensbergers Baukasten zu einer Theorie der Medien ist eine generelle bzw. generalisierende Medientheorie aus dem Jahr 1970, die in der Tradition der emanzipatorischen Medientheorien von Brechts Radiotheorie steht und der kritischen Theorie zugeordnet werden kann.

Baustein 6

Die neuen Medien sind ihrer Struktur nach egalitär. Durch einen einfachen Schaltvorgang kann jeder an ihnen teilnehmen; die Programme selbst sind immateriell und beliebig reproduzierbar. Damit stehen die elektronischen im Gegensatz zu älteren Medien wie dem Buch oder der Tafelmalerei, deren exklusiver Klassencharakter offensichtlich ist.

(Vgl. Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit)

Baustein 7

Die neuen Medien sind aktions- und nicht kontemplativ, augenblicks- und nicht traditionell orientiert. Ihr Zeitverhältnis ist dem der bürgerlichen Kultur, die Besitz will, also Dauer, am liebsten Ewigkeit, völlig konträr. Die Medien stellen keine Objekte her, die sich horten und versteigern ließen. Sie lösen »geistiges Eigentum« schlechthin auf und liquidieren das »Erbe«, das heißt, die klassenspezifische Weitergabe des immateriellen Kapitals.

Geschichte des Urheberrechts

  • Das Urheberrecht ist Teil der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Ideologie vom »freien« Künstler (frei, die »Ware Kunst« zu verkaufen)
  • In der Feudalgesellschaft wurde der Urheber/Künstler in der Regel vom Feudalherrn alimentiert (oder durch Privilegien oder Schutzbriefe abgesichert)
  • Verlage druckten hemmungslos alles nach (was nicht abgesichert war)

Ein paar Jahreszahlen

  • 1710: Einführung des Copyrights in England (weltweit erstmalig Schutz des Urhebers)
  • 1791 und 1793: Frankreich führte in zwei Gesetzen das Propriété littéraire et artistique ein
  • 1795: Einführung des Copyrights in den USA
  • 1837: Einführung des Urheberrechts in Preußen und im Deutschen Bund – erst für 10 Jahre nach Erscheinen, 1845 auf 30 Jahre nach dem Tode des Urhebers (post mortem auctoris) verlängert

Ein paar Jahreszahlen (2)

  • 1857: Urheberrechtschutz im Norddeutschen Bund eingeführt (1871 vom Deutschen Reich übernommen)
  • 1886: Berner Übereinkunft – erstes internationales Abkommen zum Urheberrecht. Die Schutzfrist wurde auf 50 Jahre nach Tod des Autors verlängert.
  • 1965: In der BRD Verlängerung der Schutzfrist auf 70 Jahre post mortem auctoris. Deutschland wird damit Vorreiter für eine Verlängerung der Urheberrechtsfristen.

Digital = Gemeingut

»Alles formalisierbare Wissen kann von seinen stofflichen und menschlichen Trägern abgetrennt, als Software praktisch kostenlos vervielfältigt werden und in Universalmaschinen unbeschränkt genützt werden. Je weiter es sich verbreitet, umso größer sein gesellschaftlicher Nutzen. Sein Warenwert hingegen schwindet mit seiner Verbreitung und tendiert gegen null: Es wird zu allgemein zugänglichem Gemeingut.«

(André Gorz, 2003)

Häh?

100-Mark-Schein der DDR

Schlag nach bei Marx

Tauschwert vs. Gebrauchswert

  • Der Gebrauchswert einer Ware ist individuell und richtet sich nach der Nützlichkeit, die der (potentielle) Käufer der Ware zumißt
  • Der Tauschwert hingegen setzt sich aus den Materialkosten und den Kosten für die Reproduktion der Ware Arbeitskraft zusammen

»Entkörperlichung«

Mit ihrer »Entkörperlichung im Digitalen« hat das Digitalisat aber seinen Warencharakter verloren, denn es besitzt keinen Tauschwert mehr, da gilt:

lim      Tauschwert(n) = 0
n -> ∞

Wobei n die Anzahl der produzierten Waren ist.

Gebrauchswert = Null

Daraus folgt aber auch – selbst unter idealen kapitalistischen Bedingungen, in denen man davon ausgehen kann, daß der Gebrauchswert immer größer oder zumindest gleich dem Tauschwert ist (sonst kann kein »Gewinn« entstehen):

lim       Gebrauchswert(n) = 0
n -> ∞

Gebrauchswert(n) >= Tauschwert(n)

Warencharakter

Da das Urheberrecht aber davon ausgeht, daß das zu schützende Werk eine Ware ist, ein Ding ohne Tauschwert aber keinen Warencharakter mehr besitzt, ist das Urheberrecht für Digitalisate obsolet geworden.

(Es gibt auch andere Überlegungen speziell aus der Rechtstheorie, die mangels »Stofflichkeit« einem Digitalisat seinen Warencharakter absprechen und deswegen bezweifeln, ob das Urheberrecht darauf überhaupt anwendbar ist. Diese stützen zwar meine Argumentation, sind aber für meine Überlegungen nicht notwendig.)

Gegenstrategien

Es gibt zwei Typen von Gegenstrategien:

  • Strategien, die das gegenwärtige System unangetastet lassen
  • Strategien, die versuchen, über das gegenwärtige System herauszuwachsen

Verknappung

Die Antwort der Medien-Industrie heißt Verknappung (vgl. OPEC):

sind Versuche der Industrie, durch künstliche Verknappung den Tauschwert digitaler Werke zu »retten«.

Netzsperren

In diesem Zusammenhang sind auch Zensursulas Netzsperren zu sehen. Hier bildet der Kampf gegen Kinderpornographie nur einen willkommenen Vorwand, um Zensurstrukturen zu etablieren, die die Vorherrschaft der Konzerne sichern und die Kontrolle über das Netz gewährleisten sollen.

Event

Eine recht erfolgreiche Strategie speziell im Filmsektor (aber auch im Musikbereich) ist die Event-Strategie:

  • Das Kino-Erlebnis wird zum Event geadelt
  • ⇒ Die Einspielergebnisse der ersten Kinowochenenden sind für den Erfolg oder Mißerfolg eines Filmes entscheidend
  • Nur: Warum wird dann die DVD zum Film nicht auch gleich am ersten Kinowochenende mitverkauft?

Do It Yourself

Es ist zu fragen, ob die Möglichkeit des Internets die Brecht'sche Radiotheorie – jeder Empfänger ist auch ein (potentieller) Sender – nicht auch daraufhin erweitern, daß jeder Konsument auch ein (potentieller) Produzent von »Werken« ist.

Noch einmal Enzensberger

Baustein 8: Es ist falsch, Mediengeräte als bloße Konsumtionsmittel zu betrachten. Sie sind im Prinzip immer zugleich Produktionsmittel, und zwar, da sie sich in den Händen der Massen befinden, sozialisierte Produktionsmittel. Der Gegensatz zwischen Produzenten und Konsumenten ist den elektronischen Medien nicht inhärent; er muß vielmehr durch ökonomische und administrative Vorkehrungen künstlich behauptet werden. (Hervorhebungen von mir, -ka-)

Die digitale Front

Hier verläuft die digitale Front: Auf der einen Seite all die netten Spielzeuge, die wir nutzen, um aus jedem Empfänger auch einen potentiellen Sender von Informationen und Meinungen machen zu können, auf der anderen Seite die Phalanx von RTL/Sat1/ProSieben, Murdoch, Bertelsmann, Warner und den anderen Medienkonzernen, die in dem Netz nur einen weiteren Distributionskanal für ihre Produkte sehen und für die naturgemäß die Vorstellung eines demokratischen Peer-to-Peer-Netzes ein Greuel ist.

DIY in der Musik

Schon 1986 berechnete Hugo Faas, daß sich die »eigene« Plattenproduktion für den (ausübenden) Musiker durchaus lohnen könnte.

Heute ist die Situation bedeutend unkomplizierter, da keine Presswerke mehr nötig sind. Die (kostenlose) Bereitstellung von Video- und Audiodateien im Netz sorgt für die Bekanntheit und auf den Konzerten und über das Netz (im Zweifelsfalle auch über MySpace, Facebook etc.) werden selbstproduzierte CDs/DVDs verkauft.

Obacht: Urheberrecht != Leistungsschutzrecht

DIY im Print-Sektor

  • Von Ausnahmefällen abgesehen verdient der Autor eines herkömmlich verlegten Buches zwischen 5 und 10 Prozent des Ladenverkaufspreises
  • Das ist im Zweifelsfalle weniger, als zum Beispiel Amazon einem »Affiliate« an Provision zahlt
  • In vielen Fällen liefert der Autor eine druckfertige Vorlage und ein Lektorat findet auch nicht mehr statt
  • ⇒ Das ganze Gewäsch über den Schutz des Autors ist Augenwischerei, es geht nur um die Verdienstmöglichkeiten der Verlage

Online stellen lohnt

  • Paulo Coelho stellt alle seine Bücher zum kostenlosen Download online und behauptet, seitdem mehr zu verkaufen
  • Eine ähnliche Erfahrung machte auch der »Bestseller-Schreiber« Markus Albers und andere

Wie kann so etwas aussehen?

Sonderfall Wissenschaft

Wissenschaftliche Publikationen sind durch zwei Besonderheiten geprägt:

  • Druckkostenzuschuß
  • Peer-Review-Verfahren

Besonders Letzteres hindert am »Selbstverlag« (mehr als bei literarischen Werken oder Sachbüchern)

Strategien

  • kurzfristig: Eigenens (hochkarätiges) Herausgebergremium finden
  • mittelfristig: Peer-Review-Verfahren durch andere, schnellere Methoden ablösen (z.B. Kommentare, Trackbacks, Pingbacks etc.)

Wir fangen an

Das MPIWG wird noch in diesem Jahr eine eigene Reihe mit Forschungsberichten und Quellen zur Wissenschaftsgeschichte herausgeben. Diese wird als HTML-, Epub- und PDF-Version (voraussichtlich unter einer CC-Lizenz) zum kostenlosen Download angeboten werden, aber auch im Druck erscheinen (Print-on-Demand oder Verlag)

Vom Ende der Verlage (1)

Es gibt in der Geschichte wenig Beispiele, daß durch einen Medienbruch »neue« Medien »alte« Medien abgelöst hätten. Meist koexistierten sie weiter: Malerei ↔ Photographie, Theater ↔ Kino …

Mir ist lediglich das Massenmedium »Klavierauszug« eingefallen, einst zur Verbreitung von Musik das Leitmedium. Diese Funktion wurde sehr bald komplett von der Schallplatte übernommen.

Vom Ende der Verlage (2)

Die angesprochenen DIY-Strategien werden jedoch einige Verwerfungen in der Art, wie Medien produziert werden, hervorrufen:

  • Die Filmindustrie bleibt weitgehend unangetastet, allerdings muß ein Film seine Kosten (und den Gewinn) immer schneller einspielen (am Besten schon am Wochenende des Kinostarts).
  • Die Musikindustrie ist überflüssig
  • (Print-) Verlage sind überflüssig, speziell Wissenschaftsverlage sind ja so etwas von überflüssig ;)

Selber schuld

Durch den hohen Verwertungsdruck haben Musikindustrie und Verlage ihr zukünftiges Verschwinden aber auch mitverantwortet:

  • Künstlerförderung findet nicht mehr statt, es wird nur noch auf Bewährtes gesetzt
  • Lektoratsaufgaben werden – wenn überhaupt – nur noch unzureichend wahrgenommen
  • etc. …

(Qualitäts-) Journalismus

  • Hier habe ich kurzfristig (das heißt innerhalb des Systems) noch keine wirkliche Lösung, außer …
  • daß wir aufhören sollten, unseren Werbeplatz zu Billigstpreisen zu verschleudern
  • und Ideen zu Kollaboration und Vernetzung

Beispiel Neukölln.TV

Screenshot Neukölln.tv

Beispiel Neukölln.TV (2)

Ein kleines, lokales (Internet-) TV-Programm leidet immer darunter, daß es zu wenig Material für ein »Vollprogramm« hat.

Aber viele, kleine und spezialisierte Sender, die kooperieren und nach dem Motte »Darf ich Deine Filme senden, darfst Du meine Filme senden« ihr Programmangebot erweitern, könnten durchaus ein interessantes Alternativprogramm senden.

Solidargesellschaft

Eine Solidargesellschaft unabhängiger Produzenten ist möglich, in der gilt: Ich stelle Dir mein Wissen und meine Werke kostenlos zur Verfügung, weil auch Du mir Dein Wissen und Deine Werke kostenlos zur Verfügung stellst.

(vgl. Altvater: Das Ende des Kapitalismus, aber auch: Kropotkin: Gegenseitige Hilfe)

Ein wenig (konkrete) Utopie

  • Bedingungsloses Grundeinkommen
  • Solidarische Ökonomie
  • Kollaboration, Vernetzung und Genossenschaften statt Ich-AG und »Digitaler Bohème«

Creative Commons

Das Urheberrecht schafft sich natürlich nicht von alleine ab, aber ein erster Schritt wäre es, alles, was wir publizieren, unter eine Creative-Commons-Lizenz zu stellen.

Caveat

Bertolt Brecht

»Sollten Sie dies für utopisch halten, so bitte ich Sie, darüber nachzudenken, warum es utopisch ist.«

(Bertolt Brecht: Radiotheorie)

Let's Do It

Es gibt also viel zu tun …

Danke ...

Literatur

  • Elmar Altvater: Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik (2005), Münster (Verlag Westfälisches Dampfboot) 32006
  • Walter Benjamin: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (1936), Frankfurt/Main (edition suhrkamp 28) 1963
  • Hans Magnus Enzensberger: Baukasten zu einer Theorie der Medien in: Kursbuch 20: Über ästhetische Fragen, Berlin 1970, S. 159 - 186
  • Hugo Faas: Der Preis der Scheibe. Zur Ökonomie der Schallplatte, in: Der Rabe. Magazin für jede Art von Literatur – Nummer 14, Zürich (Haffmanns Verlag) 1986, S. 178 - 183
  • Holm Friebe und Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung, München (heyne) 2006
  • André Gorz: Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie (2003), Zürich (Rotpunktvertlag) 2004
  • Wolfgang Fritz Haug: Kritik der Warenästhetik (1971), Frankfurt/Main (edition suhrkamp 513) 31972
  • Christoph Hein: Das Verschwinden des künstlerischen Produzenten im Zeitalter der Reproduzierbarkeit, in: Der Freibeuter. Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik, Berlin (Verlag Klaus Wagenbach) 1987; Teil 1: Heft 31, S. 63 - 71, Teil 2: Heft 32, S. 11 - 19
  • Jörg Kantel: Urheberrecht und Klassenkampf, Der Schockwellenreiter vom 29. Juni 2009, zuletzt besucht am 14. April 2010
  • Ekkehard Knörer: Konfiguration Kino, zuletzt besucht am 13. April 2010
  • Peter Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt (1902), Wien (Verlag Monte Verita) 1989
  • Ernest Mandel: Marxistische Wirtschaftstheorie (2 Bände, 1962), Frankfurt/Main (edition suhrkamp 595 und 596) 1978
  • Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie (1867), Berlin (Dietz-Verlag) 1979 (MEW 23)
  • Oskar Negt und Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit (1972), Frankfurt/Main (edition suhrkamp 639) 61978
  • Ole Reißmann: Es geht auch ohne -- Ebooks für iPad und Co., Spiegel Online vom 10. April 2010, zuletzt besucht am 12. April 2010




Kategorie: Medientheorie



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